Herr Dr. Rahmel, Sie sind Medizinischer Vorstand der Deutschen Stiftung Organtransplantation (DSO). Wie ist diese Stiftung entstanden und worin liegt ihre Aufgabe?

Die DSO besteht als Stiftung bürgerlichen Rechts schon seit 1984. Sie wurde gegründet vom Kuratorium für Heimdialyse e.V. (KfH) mit dem Ziel, die Transplantation in Deutschland zu fördern. Von da an koordinierte die DSO die Organspende zwischen den einzelnen Transplantationszentren, den umliegenden Krankenhäusern und der internationalen Organvermittlungsstelle Eurotransplant.

Im Rahmen der Debatte um das Transplantationsgesetz (TPG) Anfang der 90er-Jahre, kristallisierte sich heraus, dass eine eigenständige, bundesweite Koordinierungsstelle für die Organspende notwendig war. Auf der Basis dieses Gesetzes wurde die DSO im Juni 2000 dann offiziell als bundesweite Koordinierungsstelle für die postmortale Organspende benannt.

Die konkreten Aufgaben der DSO wurden vertraglich mit der Bundesärztekammer, den damaligen Spitzenverbänden der Krankenkassen (heute Spitzenverband Bund der Krankenkassen) und der Deutschen Krankenhausgesellschaft festgelegt.

Von zentraler Bedeutung ist dabei die Organisation aller Schritte des Organspendeablaufs von der Mitteilung eines möglichen Spenders im Krankenhaus bis zur Übergabe der Organe an die Transplantationszentren. Durch das TPG, in dem die Organspende zur Gemeinschaftsaufgabe erklärt wurde, sind die Krankenhäuser zur Zusammenarbeit mit der Koordinierungsstelle verpflichtet.

Um eine schnelle und effiziente Koordinierung der Organspende und damit optimale Unterstützung der Entnahmekrankenhäuser zu gewährleisten, etablierte die DSO sieben Organspenderegionen. Sitz der Hauptverwaltung und des Vorstandes der DSO ist Frankfurt am Main. Bundesweit stehen rund 80 Koordinatoren der DSO bereit, um die Krankenhäuser im Falle einer Organspende zu unterstützen.

Wie können wir uns Ihr persönliches Tätigkeitsfeld vorstellen?

Der Vorstand, bestehend aus einem kaufmännischen und einem medizinischen Vertreter, repräsentiert die DSO in der Öffentlichkeit, in den Medien und insbesondere im politischen Raum und ist Ansprechpartner für alle Partnerorganisationen innerhalb der Transplantationsmedizin, vor allem natürlich auch der Entnahmekrankenhäuser.

Zum Verantwortungsbereich des Medizinischen Vorstands gehört es, sicherzustellen, dass die medizinischen und organisatorischen Abläufe im Rahmen einer Organspende sicher und geregelt umgesetzt und dokumentiert werden können.

Dazu hat die DSO beispielsweise ein umfassendes Unterstützungsangebot für die Zusammenarbeit mit den Entnahmekrankenhäusern entwickelt. Dazu gehören der 2016 erschienene Leitfaden für die Organspende und die Verfahrensanweisungen, die Handlungssicherheit im Organspendeprozess vermitteln. Ergänzend wurde neben den bestehenden Fortbildungsangeboten ein umfangreiches E-Learning-Fortbildungsprogramm entwickelt.

Der Gedanke, dass ein Mensch nach dem Tod aufgeschnitten wird und Organe entnommen werden, klingt ja erst einmal recht befremdlich. Warum wird es dennoch gemacht, warum ist die Transplantationsmedizin so wichtig?

Zunächst einmal erfolgt eine Organspende unter den gleichen Bedingungen wie jede andere Operation. Die Entnahme der Organe erfolgt durch besonders erfahrene, speziell geschulte Chirurgen. Bei der Organentnahme ist der respektvolle Umgang mit dem Spender oberstes Gebot. Die Ärzte verschließen die Operationswunde sorgfältig und übergeben den Spender in würdigem Zustand. Die Angehörigen können sich nach der Organentnahme in gewünschter Weise von dem Verstorbenen verabschieden.

Für Patienten, bei denen ein Organ versagt, bedeutet die Transplantation eines gespendeten Organs häufig die einzige Chance, zu überleben. Die Behandlungsmethode ist heute ein etabliertes und erfolgreiches Verfahren, so dass die meisten Patienten nach der Organübertragung wieder ein nahezu normales Leben führen können. Die regelmäßige Einnahme von Medikamenten hilft, die Funktion der Spenderorgane zu erhalten und sie vor körpereigenen Immunreaktionen zu schützen.

Die Transplantate, vor allem Nieren und Herzen, bleiben häufig über Jahrzehnte hinweg funktionstüchtig und schenken den Empfängern viele neue Lebensjahre. In den vergangenen 50 Jahren konnten in Deutschland mehr als 130.000 Organe erfolgreich transplantiert werden.

Wie viele Menschen warten in Deutschland momentan auf ein Spenderorgan und wer entscheidet, wer als Erster an die Reihe kommt?

Derzeit warten mehr als 10.000 schwer kranke Menschen in Deutschland auf eine Transplantation. Im Jahr 2016 konnten 3049 Organe nach postmortaler Organspende und 647 Organe nach einer Lebendspende übertragen werden.

Die Vermittlung der postmortal gespendeten Organe erfolgt durch die Stiftung Eurotransplant im niederländischen Leiden nach Richtlinien, die von der Bundesärztekammer festgelegt wurden. Die Vermittlung erfolgt nach rein medizinischen Kriterien. Der erwartete Erfolg nach der Transplantation, die durch Experten festgelegte Dringlichkeit, die Wartezeit und die Chancengleichheit spielen bei der Zuteilung der Organe eine Rolle.

Welche Organe werden am häufigsten benötigt?

Bei einer Organspende nach dem Tode können

  • Herz,
  • Lunge,
  • Leber,
  • Nieren,
  • Pankreas und
  • Dünndarm

zur Transplantation entnommen werden. Die am häufigsten übertragenen Organe sind die Nieren. Rund 8000 der Patienten auf der Warteliste brauchen eine neue Niere, im Jahr 2016 konnten 2094 Nierentransplantationen durchgeführt werden.

Dennoch kann man nicht sagen, dass die anderen Organe weniger dringend benötigt werden. Wenn das Herz, die Lunge oder die Leber versagen, gibt es nicht die Möglichkeit – wie bei der Niere – eine längere Wartezeit mit Hilfe der Dialyse zu überbrücken. Im Jahr 2016 wurden beispielsweise 458 Patienten neu für eine Herztransplantation angemeldet, es konnten aber nur 297 Herzen übertragen werden.

Wovon hängt der Erfolg einer Organtransplantation ab, welche Faktoren müssen die beteiligten Ärzte, Krankenhäuser und Organisationen beachten?

Die Aufgabe der DSO im Prozess von Organspende und Transplantation endet mit der Übergabe der entnommenen Organe an die Transplantationszentren. Um einen optimalen Einsatz der gespendeten Organe sicher zu stellen, müssen die gespendeten Organe mit hoher Qualität für eine Transplantation zur Verfügung gestellt werden.

Im Detail gehören dabei zu den Aufgaben der Koordinierungsstelle

  • die Klärung der Spendereignung,
  • die Unterstützung der Spenderbetreuung bei der Fortführung der intensivmedizinischen Maßnahmen nach festgestelltem irreversiblen Hirnfunktionsausfall sowie
  • die Einleitung spezieller Untersuchungen zur Beurteilung und Überprüfung der Organfunktion und zur Vermeidung gesundheitlicher Risiken für die Organempfänger.

Eine Reihe von notwendigen Untersuchungen stellt den Empfängerschutz sicher. Dieser umfasst

  • Organfunktionsprüfungen,
  • Immunologie,
  • Virologie,
  • Bakteriologie,
  • Blutgruppenbestimmung und
  • Pathologie.

Unabdingbar sind außerdem eine sorgfältige Erhebung der Krankengeschichte und die daraus folgende Abklärung von Anhaltspunkten für ein erhöhtes Übertragungsrisiko durch Vorerkrankungen des Spenders.

Ein Koordinator der DSO führt innerhalb eines begrenzten Zeitfensters eine sorgfältige Analyse der vorhandenen medizinischen Daten des Verstorbenen sowie ergänzende Untersuchungen durch, um mögliche Erkrankungen des Spenders zu erkennen, die den Empfänger gefährden könnten. Dabei steht die Ermittlung von Risikofaktoren und Kontraindikationen zur Organspende und Transplantation an erster Stelle.

Nach der Organentnahme organisiert die DSO den Transport der Organe. Dabei gelten für verschiedene Organe unterschiedliche Zeitspannen, für die sie von der Organentnahme bis zur Transplantation ohne Schäden konserviert werden können.

Lassen Sie uns bitte einmal die Perspektive wechseln und über die Herkunft der Spenderorgane sprechen. Wie muss man sich das vorstellen, in welchen Situationen ist es möglich, einem Verstorbenen Organe zu entnehmen, um diese einem anderen Menschen einzusetzen?

Die medizinische Voraussetzung für eine Organentnahme ist die Feststellung des irreversiblen Hirnfunktionsausfalls („Hirntod“). Gemäß dem TPG erfolgt die Feststellung des irreversiblen Hirnfunktionsausfalls durch zwei Ärzte unabhängig voneinander nach den Richtlinien der Bundesärztekammer.

Der Hirntod kann nur eintreten, wenn ein Patient auf einer Intensivstation verstirbt. Dabei werden Herz- und Kreislaufsystem durch Beatmung und Medikamente künstlich aufrechterhalten.

Die Ursachen für den irreversiblen Hirnfunktionsausfall liegen in der überwiegenden Zahl der Fälle bei atraumatischen Hirnschädigungen im Rahmen von internistischen und neurologischen Erkrankungen. Das Durchschnittsalter der Organspender liegt bei über 50 Jahren.

Gibt es Zahlen dazu, wie viele Menschen in Deutschland einen Organspendeausweis bei sich tragen und im Todesfall als Spender zur Verfügung stehen würden?

Die Organspendebereitschaft in der Bevölkerung ist laut Umfragen groß. Acht von zehn Bundesbürgern stehen dem Thema positiv gegenüber und über 70 Prozent wären bereit, nach ihrem Tod Organe zu spenden. Die Zahl der Organspendeausweisinhaber hat sich in den Umfrageergebnissen der Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung von 2010 (25 Prozent) immerhin auf 32 Prozent im Jahr 2016 erhöht.

Was passiert, wenn ein Verstorbener aus medizinischer Sicht als Organspender in Frage käme, aber keinen Organspendeausweis bei sich trägt?

Die rechtliche Voraussetzung für eine Organspende ist die Einwilligung zur Organentnahme. Wenn der Verstorbene hierzu zu Lebzeiten keine eigene Entscheidung getroffen und dokumentiert oder mündlich formuliert hat, werden die Angehörigen gebeten, eine Entscheidung nach dem bekannten oder mutmaßlichen Willen des Verstorbenen zu treffen.

Wenn die Entscheidung für eine Organspende gefallen ist, ist es für die Angehörigen des Verstorbenen sicher tröstlich zu wissen, ob die Spende Erfolg hatte. Können sie dies in Erfahrung bringen?

Das Transplantationsgesetz schreibt vor, dass die Spende anonym bleiben muss. Die Familie des Spenders erfährt also nicht, wer die Organe erhalten hat und die Organempfänger erfahren nicht, von wem das Organ stammt.

Wenn die Familie des Spenders es wünscht, informiert der Koordinator der DSO  über den Verlauf der Transplantation und darüber wie es dem Empfänger geht.

Viele Angehörige wünschen sich eine weitere Betreuung und den Austausch mit anderen Betroffenen. Daher bietet die DSO Angehörigentreffen an. Hierzu kommen auch Organempfänger, die stellvertretend ihren Dank für diese neue Lebenschance aussprechen.

In manchen europäischen Ländern ist die Frage der Organspende anders geregelt als in Deutschland, nämlich mit einem Opt-out-System. Wie stehen Sie dazu?

Ob das Opt-out-System, das häufig auch Widerspruchsregelung genannt wird, bei der also jeder automatisch Organspender ist, wenn er nicht widersprochen hat, tatsächlich zu mehr Spenden führt, ist wissenschaftlich nicht geklärt. Vieles spricht dafür, dass der Schlüssel zu mehr Organspenden nicht allein bei der Bevölkerung sondern vor allem in den Krankenhäusern liegt.

Mit der Ernennung von Transplantationsbeauftragten in allen Entnahmekrankenhäusern nach der Novellierung des TPGs im Jahr 2012 wurde in diese Richtung ein wichtiger Schritt getan. Die Transplantationsbeauftragten haben dafür Sorge zu tragen, dass die Entnahmekrankenhäuser ihrer Pflicht zur Meldung möglicher Organspender an die DSO nachkommen.

Außerdem gehört es zu ihren Aufgaben, dass Angehörige von Spendern in angemessener Weise begleitet werden. Sie kümmern sich darum, dass in ihrem Krankenhaus die Zuständigkeiten und Handlungsabläufe für den Fall einer Organspende festgelegt werden. Darüber hinaus  informieren sie das ärztliche und pflegerische Personal regelmäßig über die Bedeutung und den Prozess der Organspende.

Damit die Transplantationsbeauftragten ihre Arbeit engagiert leisten können, brauchen sie

  • eine gute Ausbildung,
  • Entlastung von anderen Aufgaben und
  • letztendlich auch die Unterstützung der Klinikleitung.
  • Wichtig ist insbesondere auch die Wertschätzung ihrer Arbeit.

Wenn Sie erlauben, noch eine ganz persönliche Frage zum Schluss: Haben Sie selbst einen Organspendeausweis ausgefüllt, und wenn ja, welche Entscheidung haben Sie für sich getroffen?

Während der Schulzeit sind wir im Unterricht sehr ausführlich auf das Thema Organspende eingegangen und zwar nicht nur unter medizinischen sondern auch unter ethischen Gesichtspunkt. Damals hat mich die Möglichkeit, anderen Menschen über den eigenen Tod hinaus ein neues Leben zu schenken, überzeugt, einen Organspendeausweis auszufüllen.

Was ist das für Sie stärkste Argument: Warum sollte man sich für die Organspende entscheiden und das im Organspendeausweis dokumentieren?

Das wichtigste Argument ist sicherlich, dass man mit einer Organspende Leben retten kann. Ein Organspender kann mit seinen Organen bis zu sieben Patienten eine neue Lebenschance schenken. Aber wichtig ist auch, überhaupt eine Entscheidung zu treffen.

Wir appellieren an alle Menschen, sich mit dem Thema Organspende auseinanderzusetzen und zu Lebzeiten seine persönliche Entscheidung zu dokumentieren und möglichst auch mit seiner Familie darüber zu sprechen. Im Fall einer möglichen Organspende werden ansonsten die Hinterbliebenen nach dem mutmaßlichen Willen des Verstorbenen befragt. Dies ist eine schwierige Entscheidung in einer ohnehin schon schwierigen Situation, die man seinen Angehörigen ersparen kann.

Letztendlich geht das Thema uns alle etwas an. Jeder von uns kann plötzlich durch eine schwere Krankheit oder einen Unfall in die Situation geraten, auf ein neues Organ angewiesen zu sein. In dieser Situation wäre sicher jeder dankbar und würde eine Organspende gerne annehmen. Dabei ist die Wahrscheinlichkeit, selbst irgendwann auf eine Organspende angewiesen zu sein, viel höher, als tatsächlich zum Organspender zu werden.

Die Organspende ist leider noch nicht so richtig in der Mitte unserer Gesellschaft angekommen, dabei ist sie eine gesamtgesellschaftliche Aufgabe. Deshalb ist es von Bedeutung, dass die Organspende als besonderer Akt der Nächstenliebe über den Tod hinaus mehr Anerkennung und Wertschätzung erfährt  – in der Öffentlichkeit, der Politik und auch in den Kliniken.