Sie leiten das Institut für Transfusionsmedizin am Uni-Klinikum Hamburg-Eppendorf. Wie verteilt sich Ihre Arbeitszeit zwischen Schreibtisch und Labor bzw. dem Kontakt mit Patienten?

Der Patientenkontakt macht leider nur noch einen kleinen Teil meiner Arbeitszeit aus. Wir haben hervorragende Fachärztinnen und Fachärzte und bilden kontinuierlich junge Kolleginnen und Kollegen aus. Im Rahmen von regelmäßigen Arztbesprechungen und im Hintergrunddienst tauschen uns dabei regelmäßig über Therapiekonzepte und besondere Fälle aus. Der Großteil meiner Arbeitszeit widme ich aber der Organisation und Sicherstellung von Forschung, Lehre und Krankenversorgung, damit die ärztlichen und pflegerischen Kolleginnen und Kollegen gute Arbeitsbedingungen vorfinden.

Blutspenden sind die Basis der modernen Transfusionsmedizin. In welchen Fällen werden Blutkonserven besonders häufig gebraucht? Wer sind Ihre Patienten?

Die Transfusion von roten Blutkörperchen und Blutplasma von gesunden und freiwilligen Spenderinnen und Spender stellt bis die heute die Grundlage für moderne und maximale Krankenversorgung dar.

Der Satz „Spitzenmedizin braucht Menschlichkeit“ fasst gut zusammen, dass trotz allen medizinischen Fortschritts die Blutspende in den letzten 50 Jahren nichts von ihrer Bedeutung verloren hat.

In der Vorbereitung von großen Operationen am Herzen oder in der Orthopäde werden zahlreiche Blutprodukte benötigt. Auch wenn heute viel blutsparender operiert werden kann als vor 20 Jahren, wird der Blutverbrauch in den nächsten 1o bis 20 Jahren eher wieder zunehmen. Da wir als Gesellschaft immer älter werden und gleichzeitig die Grenzen des medizinisch Machbaren stets erweitern, steigt auch die Zahl der Eingriffe und Therapien, die wir älteren Patientinnen und  Patienten anbieten können.

Viele Blutprodukte werden auch bei Therapien von Patientinnen und Patienten mit bösartigen Erkrankungen des Blut- und Lymphsystems benötigt.

Wie sieht es am Klinikum Hamburg-Eppendorf aus – gibt es genügend Spenden oder werden die Blutkonserven häufiger knapp?

Das UKE benötigt pro Jahr etwa 35.000 rote Blutkörperchenkonzentrate. Leider kommen nur etwa 23.000 bis 24.000 Menschen pro Jahr zu uns in die Blutspende. Wir sind daher darauf angewiesen, Blutprodukte von anderen Blutspendediensten zum Teil aus ganz Deutschland einzukaufen.

Wir sorgen dafür, dass wir stets für akute Notfälle und Operationen gerüstet sind. Gerade in den Sommermonaten und zu Feiertagen und Ferienzeiten schrumpfen unsere Lager aber auf einen 3 bis 4-Tagesvorrat zusammen.

Blut spenden kann grundsätzlich jeder gesunde Mensch, doch nur wenige tun es. Wie sehen Sie das mit Ihrer Erfahrung – was motiviert die Menschen, die es tun? Gibt es einen ‚typischen Spender‘?

Den typischen Blutspender gibt es aus meiner Sicht nicht. Wir erleben allerdings sehr häufig, dass sich Menschen das erste Mal mit dem Thema auseinandersetzen, wenn eine Freundin oder ein Verwandter betroffen ist. Die Erfahrung mit Tod und Krankheit muss einem offensichtlich erst nahe kommen, bevor bei vielen die Schwelle zur eigenen Blutspende überwunden wird.

In Ballungsräumen und Großstädten liegt die Spendebereitschaft heutzutage nur noch bei 1-2 % In der Bevölkerung, in ländlichen Regionen werden zum Teil noch 5 bis 7 % erreicht. Hier am UKE haben wir einen sehr großen Anteil unter unseren Medizinstudierenden.

Durch das Wissen um die Problematik und die Nähe zur Spende und zu den Patienten können wir fast 50% unserer Studierenden zum Blutspenden motivieren. Auch unter unseren älteren Spendern jenseits der 60 Jahre bleibt die Motivation hoch, wer früh mit dem Spenden angefangen hat, bleibt dann im Alter meist dabei, wenn es die Gesundheit zulässt!

Um das Risiko für Spender und Empfänger zu minimieren, muss vor jeder Blutspende ein ausführlicher Fragebogen zu Erkrankungen, Reisen und persönlichem Risikoverhalten ausgefüllt werden. Wie häufig kommt es vor, dass Sie willige Spender abweisen müssen?

Zunächst einmal muss ich jeder Spenderin und jedem Spender ein großes Kompliment aussprechen, dafür dass sie/er bereit ist im Rahmen der Spende zum Teil auch sehr private Fragen zu beantworten.

Insbesondere die Reisetätigkeit bereitet uns in den letzten Jahren großes Kopfzerbrechen. Krankheiten wie Malaria, Ebola, Zika oder Chikungunya sind zumeist in weit entfernten Winkeln der Welt zu Hause, aber mit dem Flugzeug rücken diese Erkrankungen schlagartig ganz dicht an uns heran.

Während wir auf die „klassischen“ Infektionskrankheiten wie HIV, Hepatitis B und C und die Syphilis regelhaft testen, können wir z.B. die unüberschaubare Zahl der Tropenkrankheiten nur durch eine zeitlich begrenzte Rückstellung der Blutspender im Griff behalten.

Wenn Sie als Spender z.B. Indien bereisen, können sie frühestens 6 Monate nach ihrer Rückkehr wieder zur Blutspende kommen. Leider verlieren wir auf diesem Wege vielen Spenderinnen und Spender, die nach einer Pause von sechs Monaten dann sozusagen „den Anschluss verlieren“ und nicht mehr zum Spenden kommen.

Bei den „geübten“ Dauerspenderinnen und –spendern müssen wir etwa 10% aufgrund ihres Fragebogens oder auch aufgrund erniedrigtem rotem Blutfarbstoff von der Spende zurückstellen. Bei den neuen Spenderinnen und Spendern sind es sogar bis zu 20%. Wir empfehlen daher allen Interessierten gerne kurz vor der Spende bei uns anzurufen, wenn es Fragen zur Spendetauglichkeit gibt.

Als Blutspender kann man ja mittlerweile nicht nur Vollblut, sondern auch Blutplasma, Thrombozyten und Erythrozyten spenden. Was wird am dringendsten gebraucht?

Eine Dringlichkeit zwischen den verschiedenen Blutkomponenten kann man nicht pauschal festlegen. Der Blutbestandteil, der im akuten Fall fehlt oder nicht richtig funktioniert, ist für den Betroffenen dann überlebenswichtig.

Im UKE werden am häufigsten rote Blutkörperchen, gefolgt von Blutplasma und Blutplättchen transfundiert. Bei den Blutplättchen und dem Blutplasma können wir uns am UKE praktisch zu 100% selbst versorgen, bei den roten Blutkörperchen reicht die Unterstützung durch unsere Blutspenderinnen und –spender immer noch nicht aus, da fehlen uns etwa 10.000 Spenden im Jahr.

Wie lange ist eine Blutspende haltbar und wie wird sie gelagert?

Ein rotes Blutkörperchen lebt im Menschen etwa 100 bis 120 Tage. Eine Blutspende von 500 ml wird in der Folge in mindestens 2 oder sogar 3 weitere Blutkomponenten aufgetrennt. Durch den Zusatz von gerinnungshemmenden Substanzen und die Zugabe von Nährstofflösungen und Elektrolyten können rote Blutkörperchen 28 bis 42 Tage haltbar gemacht werden.Voraussetzung ist dabei die Lagerung bei 4° C in einem geeigneten Spezialkühlschrank.

Das Blutplasma wird eingefroren und dann 4 Monate in Quarantäne genommen, nur wenn die Spenderin/der Spendern nach Ablauf dieser Zeit ein weiteres Mal zum Spenden kommt, werden die Plasmen zur Transfusion freigegeben.

Die Blutplättchen hingegen sind sehr „sensibel“ und können unter andauerndem Schütteln und bei Raumtemperatur nur für 4 Tage aufbewahrt werden.

Niemand weiß besser um die Notwendigkeit von Blutspenden als Ärzte und Pfleger selbst. Ist es für das Hamburger Klinikteam Ehrensache, selbst Blut zu spenden?

Hier am UKE zählen wir viele Ärztinnen und Ärzte, Pflegekräfte und technische Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter zu unseren Spendern.

Das Bewusstsein für die immer leeren Blutkühlschränke und die Konfrontation mit den verunfallten und erkrankten Patientinnen und Patienten erzeugt schon ein sehr große Motivation und Hilfsbereitschaft.