Sie sind Projektleiter des Zweitmeinungsnetzwerks der Deutschen Hodentumor Studiengruppe. Das Stichwort Hodentumor lässt vermutlich die meisten Männer unwillkürlich zusammenzucken. Wie gefährlich ist Hodenkrebs, wie viele Männer sind deutschlandweit davon betroffen?

In Deutschland erkranken jährlich etwa 4200 Patienten an Hodenkrebs. Die Anzahl der Neuerkrankungen nimmt seit Jahren langsam aber stetig zu.

Diese Tumorart ist in der Gruppe der 20 bis 45 jährigen der häufigste Tumor in Deutschland.

Risikofaktoren sind

  • Hodenhochstand und
  • Hodenkrebserkrankungen bei Brüdern.

An wen richtet sich das Zweitmeinungs-Netzwerk und warum setzen Sie sich dafür ein, dass möglichst viele Zweitmeinungen eingeholt werden?

Das Zweitmeinungsnetzwerk Hodentumoren richtet sich an Ärzte, die Patienten mit Hodentumoren behandeln.

Da diese Erkrankung relativ selten ist, ist es für Ärzte sehr häufig hilfreich, sich von einem Hodentumorexperten bei der Festlegung der Therapie beraten zu lassen.

Dieses Angebot gilt darüber hinaus auch für Patienten, die vor einer Therapieentscheidung stehen.

Können sich auch die Patienten selbst an Sie wenden bzw. ihren behandelnden Arzt bitten, Kontakt mit dem Zweitmeinungsnetzwerk aufzunehmen – ohne dass sich der Arzt – salopp formuliert – auf den Schlips getreten fühlt?

Tatsächlich können sich auch Patienten direkt ans Zweitmeinungszentrum wenden.

Ist eine Zweitmeinung bei der Tumordiagnose und -therapie grundsätzlich immer ratsam oder geht es dabei um spezielle Fälle?

In der Regel ist es aber so, dass sich die behandelnden Ärzte an das Zweitmeinungsnetzwerk wenden.
Seit dem 01.04.2017 wird dieses zudem finanziell honoriert.
Genauer, die Einholung einer Zweitmeinung wie auch die Abgabe einer Zweitmeinung wird von der Techniker Krankenkasse außerbudgetär finanziell honoriert.
Warum ist das der Fall? Die Techniker Krankenkasse hat erkannt, dass eine Zweitmeinung von Hodentumorexperten für ihre Patienten hilfreich ist und zur Verbesserung der Versorgungsqualität beiträgt.

Wir hoffen sehr, dass andere Krankenkassen diesem Beispiel folgen. Es ist jedoch bereits jetzt möglich, eine Zweitmeinung einzuholen, auch wenn man nicht in der TK versichert ist.

Grundsätzlich sollte eine Zweitmeinung vor Festlegung der Therapie in jedem Fall eingeholt werden.

Von wem werden die Zweitmeinungen erstellt? Welche besonderen Qualifikationen sind erforderlich, um eine solche Funktion zu übernehmen?

Die Zweitmeinungen werden von Hodentumorexperten der Deutschen Hodentumorstudiengruppe erstellt. Diese Experten haben sich seit Jahren mit der Behandlung von Hodentumor auseinandergesetzt und sind in diesem Bereich wissenschaftlich aktiv.

Wie wird die Zweitmeinung erstellt? Muss der Patient dafür zu einem anderen Arzt gehen und sich erneut untersuchen lassen?

Der Patient muss hier nicht zu einem anderen Arzt gehen, sondern das ganze erfolgt internetbasiert.

Aufgrund der erfolgreichen Anlaufphase wird Ihr Projekt nun auch von der Deutschen Krebshilfe gefördert.

Wie wurde der Erfolg gemessen, welche konkreten Erfolge kann das Zweitmeinungsnetzwerk vorweisen?

Das Projekt wurde von der Deutschen Krebshilfe mehrfach gefördert.
Die Therapie wird in sofern verbessert, als das sie leitlinienkonform wird und in 12 % der Fälle „Therapie“ eingespart werden konnte bzw. in 5 % der Fälle die Therapie ausgedehnter erfolgte.

Im Allgemeinen heißt es: Je früher die Krebserkrankung erkannt wird, desto besser die Heilungschancen. Gilt das auch für den Hodentumor?

Tatsächlich ist es so, je früher ein Hodentumor erkannt wird, desto besser ist es für Patienten.
Die Patienten sollten deshalb ihre Hoden regelmäßig abtasten, um Knoten zu erkennen.
Je früher ein Hodentumor erkannt wird, desto besser ist die Heilungschance.
Erfreulicherweise sind Hodentumoren die am besten heilbaren Tumore überhaupt, dass selbst wenn Besiedlungen im gesamten Köper vorliegen, die Heilungschance häufig noch nahe  100 % liegt. Im Stadium I, d.h., wenn die Tumoren noch nicht metastasiert sind oder noch keine Metastasen zu sehen sind, ist die Heilungschance bei 100 %.

Können Sie uns einen kurzen Überblick über die Therapiemöglichkeiten geben?

Mit welchen Maßnahmen würde man Hodenkrebs im Anfangsstadium behandeln, was wäre bei einer fortgeschrittenen Erkrankung zu tun?

Wie sieht die Therapie aus? Häufig muss neben der Hodentumorentfernung keine weitere Behandlung erfolgen.
Liegen Metastasen vor, ist das übliche Vorgehen eine Chemotherapie durchzuführen, die sehr gut vertragen wird.

Nach dieser Chemotherapie müssen in seltenen Fällen noch Resttumoren operativ entfernt werden, da man hier nicht genau vorher sagen kann, ob es sich um eine Narbe handelt oder um Tumorreste.

Die Frage, die die betroffenen Männer vermutlich am meisten interessiert, betrifft die Heilungschancen.

Können Hodentumor-Patienten darauf hoffen, irgendwann wieder ganz normal Sex zu haben und, wenn gewünscht, auch Kinder zu zeugen?

Hodentumoren haben mit Sex überhaupt nichts zu tun. Männer können natürlich nach der Behandlung normalen Sex haben. Hier ist erfreulicherweise keinerlei Einschränkungen zu befürchten.

Anders sieht es aus mit der Fertilität. Diese ist nach ausgedehnter Chemotherapie in vielen Fällen deutlich eingeschränkt. In einigen Fällen kommt es sogar zur Unfruchtbarkeit. Aus diesem Grund ist es ratsam, vor der Behandlung Sperma einzufrieren. Hierfür gibt es eine Vielzahl von Anlaufstellen.

Was kann jeder Mann persönlich tun, um einen eventuellen Tumor möglichst früh zu erkennen?

Ein Tumor kann sehr gut getastet werden, dies sollte regelmäßig erfolgen. Bei Vorliegen einer Verhärtung sollte man unmittelbar einen Urologen aufsuchen.

Stammt man aus einer Risikogruppe, kann man darüber regelmäßig einen Ultraschall durchführen lassen.

Wie gut funktioniert die Früherkennung in Deutschland?

Die Früherkennung ist in Deutschland in der Regel die Selbstuntersuchung.
Wenn man nun zu einer Hochrisikogruppe zählt, besteht die Möglichkeit von Ultraschalluntersuchung.

Ein Hodentumorscreening ist auf Grund der geringen Fallzahl in Deutschland nicht vorgesehen. Ganz wichtig ist deshalb die Untersuchung des Hodens.

Wie Sie sagten: Anders als bspw. beim Brustkrebs gibt es ja keine umfassenden Screenings zur Hodenkrebs-Prävention. Wäre dies nicht sinnvoll?

In Fällen, in denen Brüder oder Verwandte an einem Hodentumor erkrankt sind oder aber in der Vergangenheit ein Hodenhochstand behandelt wurde, kann mit einer Ultraschalluntersuchung abgeklärt werden, ob ein Hodentumor vorliegt. Dies macht ab dem 20. Lebensjahr Sinn.

Nach der Frage zur Früherkennung nun auch eine zur Prävention: Gibt es Dinge, die ein Mann tun bzw. unterlassen sollte, um sein Hodenkrebs-Risiko zu minimieren?

Es gibt keinerlei Möglichkeiten der Hodenkrebsprävention!
Warum ist das so? Die Ursachen für das Auftreten eines Hodentumors zwischen dem 20. Und 45. Lebensjahr sind eine ausbleibende Reifung von Hodentumorzellen (Spermatogonien) während der Entwicklung im Mutterleib. Bleibt hier eine Reifung von Hodentumorzellen aus, entwickeln sich daraus später Hodentumoren. Es hat nichts zu tun mit krebserregenden Substanzen wie Rauchen oder ähnlichem.